Sozialdarwinismus der Straße. Vortrag von Saskia Gränitz

Saskia Gränitz – Der Sozialdarwinismus der Straße. Zur Sozialpsychologie rechter Gewalt seit 1990 in Ostdeutschland

Vortrag 31.05.26 // 18:00 Uhr // translib, Lützner Straße 30, Leipzig–Lindenau

In den Neunziger- und Nullerjahren kam es insbesondere auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu einer Welle tödlicher sozialdarwinistischer Gewalt, die dem rechten Straßenterror der sogenannten Baseballschlägerjahre ihren Stempel aufdrückte. Etwa ein Viertel der in den Chroniken verzeichneten Todesopfer rechter Gewalt wurde damals aus Motiven getötet, die mit der Unterscheidung zwischen wertvollem und unwertem Leben zusammenhängen. Der 43-jährige Klaus R. war einer von ihnen: Er wurde am 28. Mai 1994 in seiner Wohnung in Leipzig-Lindenau von Neonazis, die im selben Haus wohnten, getötet. Der Vortrag diskutiert den Sozialdarwinismus der Straße als autoritäre Form der Krisenverarbeitung, die nicht zufällig in dieser Zeit zu einem Massenphänomen wurde. 

Dabei wird davon ausgegangen, dass die Gefühlserbschaften, die in solchen Taten zum Ausdruck kommen, sich aus der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus und dessen postnazistischem Erbe, aber auch aus sozialdarwinistischen Traditionslinien der DDR speisen.  Charakteristisch für den Sozialdarwinismus der Straße im Unterschied zu anderen Formen rechter Gewalt sind etwa die Dynamik der Eskalation und eine ähnliche Lebenssituation von Opfern und Tätern. Diese soziale Nähe war auch bei der Tötung von Klaus R. von Bedeutung. Aus einer sozialpsychologischen Perspektive wird deutlich, dass sich die Täter in der Aggression gegen wohnungslose, arbeitslose, körperlich oder kognitiv beeinträchtigte, psychisch kranke oder anderweitig marginalisierte Menschen eigener Ohnmachtserfahrungen zu entledigen versuchen. In der spezifischen Form sozialdarwinistischer Gewalt, so die These, verlagern die Täter das, was sie in Bezug auf sich selbst nicht zulassen können, in ihre Opfer hinein. Die äußeren und inneren Krisen der Transformationszeit werden so zur Triebkraft einer Gewalt, die die soziale Ordnung gemäß dem Recht des Stärkeren umgestaltet.

Nach dem Vortrag wird es die Möglichkeit zur Diskussion geben. Er bildet den Abschluss des Veranstaltungsprogramms »Klaus R. zum Gedenken – 32 Jahre danach«, das die translib. Communistisches Labor Leipzig zusammen mit der Initiative »Rassismus tötet!« – Leipzig zwischen dem 25. und 31. Mai 2026 organisiert. Zum vollständigen Veranstaltungsprogramm: https://www.translib.de/material/veranstaltungsprogramm-klaus-r-zum-gedenken-32-jahre-danach

Saskia Gränitz arbeitet als Soziologin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und forscht unter anderem zu Wohnungsnot, Autoritarismus und den Gewaltverhältnissen der Nachwendezeit. Zuletzt von ihr erschien »Wohnungsnot und Autoritarismus. Subjektanalytische Zugänge zur psychosozialen Bewältigung prekären Wohnens« (2025).