Dokumentiert: Redebeitrag zum Todestag von Klaus R. – 32 Jahre danach
In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 1994 wurde Klaus R. in der von ihm genutzten Wohnung in der Lützner Straße im Leipziger Westen zu Tode geprügelt. Das nachfolgende Gerichtsverfahren am Leipziger Landgericht im Jahr 1995 führte zwar zu einer Verurteilung der Täter – die Bedeutung der sozialdarwinistischen Motive bei dem verübten Mord wurde jedoch nicht berücksichtigt. Damit steht eine offizielle Anerkennung von Klaus R. als Todesopfer rechter Gewalt bis heute aus. Er wurde 43 Jahre alt.
Wir haben den 32. Todestag im Mai 2026 von Klaus R. zum Anlass genommen, uns in Zusammenarbeit mit Rassismus tötet! – Leipzig im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms mit rechter Gewalt und ihren Todesopfern in Leipzig auseinanderzusetzen. An dieser Stelle dokumentieren wir unseren Redebeitrag zur Gedenkveranstaltung am 28. Mai, die wir vor den Räumen der translib abgehalten haben. Der ebenfalls zu diesem Anlass gehaltene Redebeitrag unserer GenossInnen von alea kann hier nachgelesen werden.
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Wir haben uns heute hier versammelt, um Klaus R. zu gedenken. Wir wissen sehr wenig über Klaus R. Wir wissen, dass er 1994 eine Wohnung auf der Lützner Straße nutzte. Vielleicht tatsächlich in diesem Haus. Wir wissen, dass er alkoholabhängig war. Wir wissen, dass er in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai vor 32 Jahren von vier Neonazis zu Tode geprügelt wurde. Wir wissen, dass er 43 Jahre alt war, als er starb. Wir würden euch gern mehr erzählen über Klaus R. Wer er war, was ihn bewegte. So dass mehr von seiner Geschichte bleibt, als Opfer rechter Gewalt geworden zu sein. Aber wir können es leider nicht.
Klaus R. ist eines zahlreicher Opfer rechter Gewalt. Wie bei so vielen Opfern rechter Gewalt ist auch diese Tat nicht als politisch motiviert anerkannt worden. Wir sagen, die Tat gegen ihn, war sozialdarwinistisch motiviert. Die Täter nutzten Klaus R.s prekäre Lage, seine Alkoholabhängigkeit und Isolation nicht nur aus, um Elektrizität aus seiner Wohnung abzuzwacken, da sie selbst eine der Nachbarwohnungen besetzt hatten, sich also an ihm zu bereichern. Sie reagierten auch ihre Aggressionen an ihm ab, malträtierten und demütigten ihn. Aus der Tat spricht der Hass gegen Schwäche und Abhängigkeit.
Sozialdarwinistische Einstellungen und Überzeugungen sind in dieser Gesellschaft schon immer latent, werden aber seit jüngster Zeit zunehmend artikulierbar und salonfähig. Sie zeigen sich gegenwärtig in den Plänen von CDU und SPD, die Rente weiter zu kürzen, in der herabwertenden Rhetorik von Regierungspolitikern gegen Bürgergeldempfänger:innen und den Plänen sogenannten „Totalverweigerern“ alle Leistungsbezüge zu kürzen. Alle Unnützen, so ist die Logik des Sozialdarwinismus, müssen aussterben. Und unnütz ist, wer arm ist, wer nicht arbeitet und dabei nicht reich genug ist, nicht arbeiten zu müssen. Sozialdarwinismus trifft behinderte Menschen, alte-, kranke-, wohnungslose-, drogenabhängige Menschen, Geringerverdiener:innen, Bürgergeldempfänger:innen, Bettler:innen.
Diese latenten Abwertungen setzen sich nicht nur schnell in allgemeine politische Drohungen um, sondern entwickeln sich zu verbaler und physischer Gewalt. In den letzten Jahren, hat die Gewalt gegen wohnungslose Personen zugenommen[1]. Zuletzt größer in den Schlagzeilen waren etwa die Brandanschläge auf drei Kältebusse in Berlin[2]. Obdachlose Personen sind besonders vulnerabel. Nicht nur, weil sie kaum Rückzugsmöglichkeiten und Schutzräume haben. An Ihnen wollen Täter:innen häufig auch ein Exempel statuieren. Dabei sind die Täter:innen häufig selbst von Obdachlosigkeit betroffen oder drohen in diese abzurutschen. So auch im Fall von Klaus R. Die Gewalt ermöglicht es den Tätern:innen, Aggressionen ob der eigenen misslichen Lage an noch Schwächeren abzureagieren und sich für die selbst erfahrenen gesellschaftlichen Härten an den Opfern zu entschädigen.
Die Überzeugung, es gäbe unnützes und daher unwertes Leben, entsteht nicht von ungefähr. Sie ist das notwendig falsche Bewusstsein, das in einer Gesellschaft entsteht, die Menschen zum Überleben in Lohnarbeit zwingt, die Abhängigkeit bestraft und in der hilfsbedürftig zu werden eine unterschwellige Drohung darstellt. Dieses Klima erzeugt Druck bei den Subjekten. Einen Druck den einige an den nächst Schwächeren gewaltvoll abreagieren.
Wir wissen nicht viel, über Klaus R. Wissen nichts über seine politischen Überzeugungen oder das, was ihm wichtig war. Wir können nur hoffen, dass dieses Gedenken und unser Engagement für eine Gesellschaft, frei vom Zwang zur Lohnarbeit, frei von Diskriminierung und Abwertung, in seinem Sinne ist.
Vielen Dank!
[1] https://www.hessenschau.de/panorama/gewalt-gegen-obdachlose-steigt—hohe-dunkelziffer-vermutet-v1,angriffe-obdachlose-102.html; https://taz.de/Gewalt-gegen-Obdachlose-in-Berlin/!6145044/
[2] https://taz.de/Brandanschlaege-auf-Kaeltebusse/!6143616/ ; https://www.deutschlandfunk.de/haftbefehl-gegen-tatverdaechtigen-soziologin-beklagt-sozialdarwinismus-100.html ; https://www.spiegel.de/panorama/justiz/berlin-zwei-kaeltebusse-nach-brandanschlag-komplett-schrott-a-a69bbc6b-bcd6-4a2c-87a2-1b76fa9c0787
